Vorbild am Bodensee Wie ein Holzbaubetrieb gezielt mehr Frauen gewinnt

Bei Holzbau Schmäh am Bodensee sind über 30 Prozent der Azubis weiblich – im Zimmererhandwerk liegt der Schnitt bei 6,1 Prozent. Der Familienbetrieb in sechster Generation setzt auf Kommunikationstraining, Workshops zu Respekt und eine Chefin, die Frauen im Team gezielt stärkt. Wie der Betrieb sein Klima verändert hat – und welchen Traum sich der Chef noch nicht erfüllen konnte.

Geschäftsführer Sebastian Schmäh, zusammen mit Zimmerer-Azubi Franca Schwarz
Geschäftsführer Sebastian Schmäh, zusammen mit seiner Azubine Franca Schwarz, im Hauptgebäude des Holzbau-Betriebs. Der Betrieb fördert gezielt Frauen im Holzhandwerk - © Lisa Stürznickel

Das rote Schleifpapier raschelt Zug um Zug. Mit geübten Griffen wird es über das Holz geführt. Eine zierliche Hand fährt über das helle Holzbrett und fühlt die glatte Oberfläche. Holzduft liegt in der Luft; frisch, trocken und mit einer süßlichen Note. Im Hintergrund ist das gleichmäßige Rattern der Sägemaschinen zu hören. Franca Schwarz stellt das fertige Holzbrett zu den anderen Werkstücken. Sie sollen im Rahmen eines Gewinnspiels verlost werden. Auf den hellen Holzwänden reflektiert die Sonne, die durch die offene Glasfront der Schreinerei scheint. Nichts Ungewöhnliches auf den ersten Blick für einen Holzbaubetrieb. Eins aber sticht ins Auge: die vielen Frauen, die an Werkbänken und Sägen arbeiten.

Es ist elf Uhr an einem Freitagmorgen bei Holzbau Schmäh, am Rande von Meersburg. Nur etwa zwei Kilometer entfernt glitzert der Bodensee, die Alpen im Hintergrund. Hier lernen junge Frauen wie Franca Schwarz ein Handwerk, das lange als Männerdomäne galt.

Über die Holztreppe führt der Weg zum Besprechungsraum des Unternehmens. Sebastian Schmäh ist Geschäftsführer in sechster Generation und leitet den über 150 Jahre alten Holzbau-Betrieb. In seiner Arbeit legt er besonderen Wert auf die Förderung von Frauen. Ob Zimmerin, Schreinerin oder FSJ in der Denkmalpflege: Mehr als 20 Prozent der Belegschaft sind weiblich, unter den Auszubildenden sind es mehr als 30 Prozent. Auffällige Zahlen in einer nach wie vor männerdominierten Branche. "Unser Teamklima ist angenehmer mit einer diversen Belegschaft. Wir nehmen mehr Rücksicht aufeinander und schenken uns mehr Wertschätzung", erklärt Sebastian Schmäh stolz und lässt den Blick aus dem Fenster, hinunter in die verglaste Schreinerei schweifen. Einige wenige Mitarbeitende sind dort am Arbeiten, die meisten von ihnen sind unterwegs auf den Baustellen.

Zwischen Holz und Anspruch

In der Zimmerei und Schreinerei ist die offene Unternehmenskultur spürbar. Fast alles ist aus stabilem Holz: die Hinweistafeln an den Türen, die Regale und auch eine große Wanduhr. Konzentrierte Stille liegt in der Luft, nur gelegentlich unterbrochen von Sägelauten, Gesprächen oder dem Ticken der Uhr. Ein junger Mann steht an einer Werkbank über ein Schild gebeugt. Die Namen aller auf dem Gelände ansässigen Betriebe sind sauber in das Holz gefräst. Schon bald wird es an einem gut sichtbaren Ort seinen Platz finden. Franca Schwarz tritt näher heran und blickt dem jungen Mann neugierig über die Schulter: "Super sieht das aus", lobt sie.

Blick von oben in die Zimmerei: Hier kommen moderne Technik und klassisches Handwerk zusammen.
Blick in die Zimmerei: Hier kommen moderne Technik und klassisches Handwerk zusammen. - © Martin Maier

Die Zwanzigjährige befindet sich im ersten Ausbildungsjahr zur Zimmerin. Sie wird auf vielen unterschiedlichen Baustellen eingesetzt. Sie ist unterwegs auf Neubauten und auch bei aufwendigen historischen Dachrestaurierungen. Ihre Hände streichen über die verschiedenen Holzbretter, ertasten Maserungen und glatt geschliffene Kanten, als sie von ihrer Arbeit erzählt: "Am meisten Spaß macht mir die Altbau-Sanierung. Das Gefühl zu haben, Teil eines Kreises von Händen zu sein, der seit Jahrhunderten an diesem Holz arbeitet." Kurz sucht sie nach Worten, stockt in ihrer Bewegung und fährt dann fort: "Und ich habe dann das Privileg, daran mitzuwirken und den Fortbestand weiterzuführen. Das ist toll!"

Die junge Frau wendet sich ab, ihre festen Schritte hallen leicht und vermischen sich mit dem gleichmäßigen Surren der Sägemaschinen. Sie mustert die Halle: die geordneten Holzbretter, Maschinen und das emsige Treiben ihrer Kolleginnen und Kollegen. Ihre Stimme nimmt einen ernsten Ton an, als sie von den Vorurteilen erzählt, die ihr als Frau im Handwerk begegnen: "Ich habe keine Lust mehr, mich ständig beweisen zu müssen. Als Frau muss man immer zeigen, dass man es kann." Franca Schwarz hält kurz inne, ihre Stirn legt sich in Falten. "Natürlich haben wir andere Voraussetzungen als Männer", fügt sie hinzu. "Aber das heißt doch nicht, dass wir die Arbeit schlechter machen."

Kultur des Unterstützens

Typische Frauen-Vorurteile kann auch Geschäftsführer Schmäh nicht bestätigen. "Natürlich ist es biologisch so, dass eine zierliche Frau nicht gleich schwer tragen kann wie ein 100 Kilo schwerer Mann. Aber das muss sie auch gar nicht." Er deutet lächelnd auf die Schreinerei, in der ein Kran gerade ein schweres Holzbrett durch die Halle transportiert: "Wir haben mittlerweile viele Maschinen, die unseren Mitarbeitenden die Arbeit erleichtern."

Der moderne Holzbau bildet den Sitz des Unternehmens mit seinen rund sechzig Mitarbeitenden
Der Holzbau mit Blick auf den Bodensee bildet den Sitz des Unternehmens mit seinen rund sechzig Mitarbeitenden - © Martin Maier

Sebastian Schmäh setzt in seinem Handwerk nicht nur auf Holz, sondern auch auf Haltung. Gemeinsam mit seiner Frau Irmgard Möhrle-Schmäh hat er eine Kommunikationswerkstatt ins Leben gerufen. In einem separaten Raum, abseits vom Lärm der Schreinerei, sitzen heute die dreizehn weiblichen Beschäftigten zusammen. Unter professioneller Leitung der Betriebschefin tauschen sie Erfahrungen mit grenzüberschreitendem Verhalten aus und üben angemessene Reaktionen. Ergänzend gibt es Workshops für Mitarbeitende jeden Geschlechts zu Kommunikation, Respekt und Zusammenarbeit. Sebastian Schmäh will dabei bewusst Vorbild sein. "Männer lernen bei uns auch, ihr eigenes Rollenbild zu hinterfragen", betont er. "Ich versuche, das positiv vorzuleben."

Die internen Maßnahmen sprechen sich herum. Der Betrieb hat keine Schwierigkeiten, Ausbildungsplätze zu besetzen. Im Gegenteil: Es gibt dreimal so viele Bewerbende wie freie Stellen.

Traum von reiner Frauengruppe

Und die Zukunft? Sebastian Schmäh lehnt sich zurück, trommelt mit den Fingern auf den Tisch und denkt nach. "Wovon ich träume, ist ein reiner, leistungsfähiger Frauentrupp. Das haben wir im kleinen Rahmen auch schon gemacht, aber wo es noch fehlt, ist die Führungsaufgabe", reflektiert er. "Ich schaffe es noch nicht, eine Gesellin langfristig zu halten und zur Führungskraft und/oder Meisterin zu entwickeln." Die Basis steht, an diesem Ziel will Schmäh weiterarbeiten. Zug um Zug.

Statistik: Immer mehr Frauen im Holzbau

Der Frauenanteil unter den Auszubildenden im Zimmererhandwerk lag im Jahr 2024 bei 6,1 Prozent, wie der Branchenverband Holzbau Deutschland e.V. mitteilt. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren ist die Quote damit deutlich gestiegen: 2020 betrug der Wert noch 2,4 Prozent. Holzbau Deutschland rechnet auch künftig mit einer steigenden Attraktivität des Berufes bei Frauen. Gründe hierfür sind unter anderem die fortschreitende Digitalisierung von Arbeitsprozessen sowie attraktive Zukunftsperspektiven und vielfältige Einsatzmöglichkeiten für Zimmerleute.

Über alle Berufsbilder im Handwerk hinweg ist der Frauenanteil unter den Auszubildenden deutlich höher: Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks lag dieser im Jahr 2024 bei 17,3 Prozent.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.